Rhein-Zeitung
07. September 2005
Freundschaft
seit Generationen
Im Jahr 1940: Der Franzose André Dintzner wird als deutscher Kriegsgefangener
in das Gefangenenlager nach Holler gebracht. Nun wird André Dintzner
fünf Jahre lang als Arbeiter in den umliegenden Ortschaften auf verschiedenen
Bauernhöfen arbeiten müssen. Obwohl er ein Zwangsarbeiter ist, schließt
er mit den Familien, für die er arbeitet, eine lebenslange Freundschaft.
Die währt nun schon seit Generationen und wird auch noch nach seinem
Tod im Jahr 1980 von den Familienangehörigen weitergeführt.
NIEDERELBERT. Zwei elegante ältere französische Damen sitzen bei Familie
Ferdinand in Niederelbert im Wohnzimmer: Yvonne Dintzner und ihre
Schwester Paula Cajad sind wieder – wie fast jedes Jahr – im Westerwald
zu Besuch. „Die Familie von André und unsere Familie verbindet nun
schon eine jahrzehntelange Freundschaft, die in den schlechten Zeiten
des Krieges aufgebaut wurde. Auch heute noch besuchen wir uns gegenseitig
ein paar Mal im Jahr. Nun sind meine zwei ,Tanten’, wie wir sie nennen,
Yvonne und Paula wieder für ein paar Tage in Deutschland“, erzählt
Thomas Ferdinand, der Enkel von Anton Ferdinand, dem der Bauernhof
in Niederelbert gehörte, auf dem André Dintzner seine Arbeit verrichten
musste. Bruder Werner Ferdinand fügt hinzu: „Zwischen unserem Großvater
und André gab es eine richtige Männerfreundschaft, obwohl beide nicht
die Sprache des anderen beherrschten. Außerdem ließ unser Opa – obwohl
es verboten war – die Arbeiter mit am Tisch essen und alle Gefangenen
ihren Heimatsender über den Volksempfänger hören.“
Schließlich
beginnt die rüstige Witwe des ehemaligen Kriegsgefangenen, Yvonne
Dintzner, zu erzählen, warum sie und ihr Mann nach dem Krieg überhaupt
noch Kontakt mit den Deutschen halten wollten: „Mein Mann wollte,
nachdem der Krieg beendet war, mal wieder in den Ort zurückkehren,
an dem er fünf Jahre seines Lebens verbringen musste. Zwar tat er
dies gegen seinen Willen, doch erinnerte er sich auch gerne an die
zahlreichen netten Menschen, die er kennen lernen durfte. Nun waren
wir 1965 mit dem Auto im Urlaub in Österreich und beschlossen dann
ganz spontan, auf dem Nachhauseweg einen Abstecher in die Westerwaldgemeinde
zu machen.
Kontakt
brach nicht mehr ab.
In Niederelbert
angekommen, erkannten viele Leute André sofort wieder. „Als er beim
Bäcker hier im Ort einkaufte, fiel ihm auf einmal eine Frau um den
Hals, die zwar damals noch ein kleines Mädchen war, den lustigen und
netten Franzosen aber sofort wieder erkannte“, erzählt Werner Ferdinand.
So verbrachten André und seine Frau Yvonne Dintzner nach ihrem Spontanbesuch
noch eine ganze Woche in Niederelbert bei der Familie Ferdinand, wonach
der Kontakt niemals wieder abriss. „Auch zu anderen Familien hier
in Niederelbert halten die Franzosen immer noch Kontakt und pflegen
eine intensive Freundschaft“, erklärt Thomas Ferdinand weiter.
„Nach dem Tod meines Mannes habe ich weiter Kontakt nach Deutschland
gehalten. Der Ort, in dem ich wohne – Cosne sur Loire – wurde schließlich
die Partnerstadt von Bad Ems, und so bin ich dann jedes Mal mit diesem
Austauschprogramm nach Deutschland gekommen und habe immer in Niederelbert
bei unseren Freunden gewohnt“, schmunzelt die heute 93-Jährige, die
bei den Partnerstadtbesuchen immer die älteste Teilnehmerin war.
Aber
auch die Deutschen, sind praktisch in Frankreich heimisch: Mehrmals
im Jahr werden die Koffer gepackt, um Tante Yvonne und Tante Paula
zu besuchen.
Erste Tour mit Führerschein
„Unsere Flitterwochen haben wir in Frankreich verbracht, damals wohnten
die Dintzners noch in Paris. Und unsere Schwester Erika Lipskey hat
sogar ihre erste Tour nach dem bestandenen Führerschein nach Frankreich
gemacht“, erzählt Werner Ferdinand, und sein Bruder fügt lachend hinzu,
dass die französische Familie ihm und ein paar Freunden auch schon
einmal den Urlaub gerettet habe: „Nachdem uns das Geld ausgegangen
war und Dauerregen vom Himmel prasselte, haben wir uns kurzfristig
bei Tante Yvonne und Tante Paula eingenistet.“
„Natürlich hoffen wir, dass auch noch unsere Kinder und Kindeskinder
diese innige und tiefe Freundschaft mit der Familie Dintzner weiterführen“,
so die beiden Ferdinand-Brüder. Und Yvonne Dintzner sowie deren Schwester
Paula Cajad hoffen, dass sie noch oft trotz ihres hohen Alters nach
Deutschland kommen können, um ihre deutschen Freunde zu besuchen.
Carolin
Biegel